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Zukunftsmodelle in Bad Füssing

Meldung vom 04.04.2017 Eröffnung der Wirtschaftswoche zum Thema „Nachhaltigkeit“

Das „Flaggschiff der deutschen Heilbäderbranche“ befindet sich im Landkreis Passau. Bad Füssing ist nicht nur der erfolgreichste und beliebteste Kurort Europas, „er wird bald dank der Elektrobusse auch der leiseste sein“, so Landrat Franz Meyer am Montag (3. April). Meyer eröffnete im Beisein zahlreicher Gäste die vierte Wirtschaftswoche im Landkreis.

Wirtschaftsreferentin Heidi Taubeneder, verantwortlich für die Organisation der Wirtschaftswoche, hat in diesem Jahr die Veranstaltungen unter das Thema „Nachhaltigkeit“ gestellt.
Erste Adresse dafür ist der Kurort Bad Füssing, wo sich die Firma Eichberger als Betreiber des Orts- und Bäderverkehrs seit Jahrzehnten mit umweltschonender Beförderung befasst, wie Manfred Eichberger zurückblickte. Bereits von 1993 bis 2003 sei ein Elektrobus im Kurort unterwegs gewesen, „es war uns immer ein Herzensprojekt“, so Eichberger. Doch so richtig kamen die Hersteller nicht voran mit der Entwicklung der E-Mobilität, Eichberger setzte seit 1997 Erdgas-Hybrid-Busse in einem Pilotprojekt ein, ein Jahr später folgte ebenfalls in einem Pilotprojekt die Photovoltaik-Anlage Bad Füssing.

Vor zwei Jahren war nach einem dreimonatigen Test erneut ein E-Bus im Einsatz, allerdings nur unter günstigen Bedingungen, wie Eichberger erzählte, als im Sommer und frühen Herbst. Die Anforderungen, die er ans Fahrzeug stellt: Es muss einen Tag lang den Linienverkehr von etwa 230 Kilometern in Bad Füssing und Umgebung schaffen, bevor es abends ins Depot an die Steckdose geht. Alternativen wie die Aufladung an Haltestellen während der Wartezeiten sah Eichberger aus verschiedenen Gründen für weniger alltagstauglich an.

500 000 Gäste befördert Eichberger jährlich allein in und um Bad Füssing, 250 000 Kilometer sind die fünf Fahrzeuge auf vier Linien unterwegs. Und diese werden nun 2018 komplett auf Elektrobetrieb umgestellt. Eichberger bekam das Vorhaben als Bundes-Pilotprojekt genehmigt, es ist somit ein einmaliges Projekt in Deutschland, denn mit den E-Bussen soll eine weitere Vernetzung der E-Mobilität im Kurort stattfinden - vom E-Bike über E-Taxis, Segways bis zum Carsharing mit E-Autos. In Zusammenarbeit mit der RBO wird außerdem der Fahrplan zwischen Bad Füssing und Pocking an die Rottalbahn angepasst, auf der Linie wird ebenfalls der E-Bus im Einsatz sein. „Was ist nachhaltiger als ohne Abgase und mit sauberer Energie unterwegs zu sein?“. Es war eine rhetorische Frage, die Landrat Franz Meyer bei der Begrüßung im Großen Kurhaus Bad Füssing stellte.

Die Zukunft lud bereits zum Einsteigen ein: Ein Bus der Firma Sileo, ein Hersteller aus Braunschweig, ist seit 4. April im Probebetrieb. Weitere Testmodelle folgen in diesem Jahr, ehe die Firma Eichberger die fünf E-Busse samt zwei Züge für den „Lustigen Lukas“ europaweit ausschreibt und 2018 in Betrieb nimmt und somit für CO2-neutralen Bäderverkehr sorgt. Landrat Franz Meyer dankte Manfred Eichberger für das Engagement und den unternehmerischen Mut, diese innovativen Schritte zu gehen.

„Die Leistungskraft unserer Betriebe, die Innovationskraft unserer Region und unsere Entschlossenheit, auch künftig ein erfolgreicher Standort für unsere Unternehmen zu sein“, zählte Meyer als Gründe auf, warum der Landkreis Passau jedes Jahr neben regulären Firmenbesuchen und Wirtschaftsgesprächen zudem den Fokus bei einer Wirtschaftswoche auf ein Thema legt. Nach „Innovationen“ im Vorjahr geht es nun um „Nachhaltigkeit“, und da „nicht um Visionen, sondern um Konkretes“, so der Landrat.

Konkrete Vorschläge liegen mittlerweile auch für die Zukunft Bad Füssings vor. Bereits in den 80er Jahren rüstete sich der Kurort mit einem langfristig angelegten Maßnahmenpaket und entdeckte, so der Bürgermeister, den Trend zum sanften Tourismus. Jetzt geht es in die nächste Runde. Wenngleich die Zahl der Gäste gestiegen ist, nämlich von 234 000 im Jahr 2001 auf nun 315 000, so Bürgermeister Alois Brundobler, so ist die sinkende Aufenthaltsdauer seit der ersten Gesundheitsreformen Ende der 1990er das Sorgenkind von Kurorten. Der Gast wird nicht mehr von der Kasse geschickt, Selbstzahler bleiben selten drei Wochen, sondern nur einige Tage. Es braucht neue Zielgruppen. Diese Zeichen der Zeit erkannte der Gemeinderat bereits 2012 und gab die Erarbeitung eines Strategiepapiers „Zukunft Bad Füssing“ in Auftrag. Beteiligt wurden eine Reihe von Experten aus Landschaftsplanung und Städtebau unter Einbeziehung der Fachstellen wie Naturschutz und Wirtschaftsförderung aber auch die Bevölkerung, die Hotellerie und die Geschäftswelt. Es wurden Fragebogen verteilt und ausgewertet, und Diskussionen in Arbeitskreisen.

Die Ergebnisse sind zurzeit auf Schautafeln im Großen Kurhaus zu sehen. Franziska Felgentreu (Steidle & Felgentreu Landschaftsarchitekten) und Martin Birgel (Dragomir Stadtplanung) fassten bei der Eröffnung der Wirtschaftswoche die Ergebnisse zusammen. Welche der Vorschläge umgesetzt werden und wann, „das wird in vielen Teilen Sache unserer Nachfolger sein“, verwies Bürgermeister Alois Brundobler auf die Langfristigkeit der Untersuchung. Diese hatte nicht nur den Hauptort Bad Füssing unter die Lupe genommen, sondern auch die Stärken der Dörfer Egglfing, Würding und Aigen herausgearbeitet. Sie können mit ihrer landwirtschaftlichen Prägung, ihren Erlebnismöglichkeiten oder ihrer reichen Tradition punkten und sich damit neue Zielgruppen wie junge Familien oder auch Super-Grannys (Großeltern mit Enkeln) erschließen.

Denn, auch das hatte die Untersuchung ergeben: Bad Füssing braucht „ein zweites Standbein“. Zwar ist der Kurort stolz auf seine Stammgäste. Aber, so zeigt die Untersuchung auf: Weit über die Hälfte der Besucher war mindestens sechsmal in Bad Füssing zu Erholung, während nur zehn Prozent erstmals Bad-Füssing-Urlaub buchte. Das ist Dauer zu wenig, zumal die derzeitige Altersstruktur 51 Prozent über 70-Jährige und nur 10 Prozent unter-60-Jährige beträgt.

Das zweite Standbein liegt vor der Haustür und heißt: Natur. Sie wird von allen Altersklassen gesucht, zur Erholung, zur Entschleunigung, ein „Sehnsuchtsort“, so Franziska Felgentreu. Der Slogan Bad Füssings „..wirkt und wirkt…“ hat ausgedient und wird ersetzt durch „Bad Füssing - der ganze Mensch“, verfolgt also den ganzheitlichen Ansatz. Heilwelt, also das berühmte heilende Wasser, trifft die heile Welt - das ist Motto künftiger Maßnahmen. Gerade hier liege viel Potenzial brach, haben die Experten mit Erstaunen festgestellt. So fehlten zum Beispiel in den Innauen „Leuchtturmprojekte“, das könnten einfach zu realisierende Wegeverbindungen sein oder eine spektakuläre Aussichtsplattform am Inn, um „die heile Welt sichtbar und erlebbar zu machen“, betonte Landschaftsarchitektin Felgentreu.

Die Bedeutung des Tourismus vor allem in Niederbayern stellte Dr. Jürgen Weber, Abteilungsleiter Wirtschaft bei der Regierung von Niederbayern, in den Vordergrund: Die Bruttowertschöpfung von 500 Millionen Euro in Bad Füssing, die Bürgermeister Alois Brundobler angesprochen hatte, sei ein Viertel der Wertschöpfung der gesamten Branche in Niederbayern. 2,5 Millionen Übernachtungen in Bad Füssing nehmen einen Anteil von 20 Prozent in Niederbayern ein. Dem angemessen investiere die Regierung von Niederbayern viel Geld in den Tourismus: von den 40 Millionen Euro Regionalförderung gingen allein 40 Prozent in die Steigerung der Attraktivität für Gäste.

Freie Fahrt für den Elektrobus, mit Manfred Eichberger als Steuermann. Weiter im Bild (v.l.): Kurdirektor Rudolf Weinberger, Kreisrätin Roswitha Nöbauer, die Kammervertreter Karl-Heinz Moser (Handwerkskammer) und Peter Sonnleitner (IHK), Kreisrat Werner Mayer, Landrat Franz Meyer, Bezirksrätin Cornelia Wasner-Sommer, Leitender Regierungsdirektor Klaus Froschhammer, Landkreis-Wirtschaftsreferentin Heidi Taubeneder, Dr. Jürgen Weber (Regierung von Niederbayern), Bürgermeister Alois Brundobler und Bertram Vogel, Niederbayern-Forum.
Heilwelt und heile Welt zum Anschauen: Stadtplaner Martin Birgel und Landschaftsarchitektin Franziska Felgentreu, Bürgermeister Alois Brundobler, Landrat Franz Meyer, Heidi Taubeneder, Wirtschaftsreferentin des Landkreises, und Dr. Jürgen Weber, Regierung von Niederbayern, vor den Schautafeln im großen Kurhaus Bad Füssing.
Steuermann des Pilotprojekts: Manfred Eichberger im Test-E-Bus. 2018 werden die fünf Linienbusse des Orts- und Bäderverkehrs von Bad Füssing und Umgebung elektrisch betrieben.

Kategorien: Wirtschaft