Öfter Keime im Trinkwasser: Ist der Klimawandel Schuld?

20. November 2023: Landratsamt nennt mögliche Ursachen – „Starkregen nach langer Trockenheit ist fatal“
Symbolbild Wasserhahn (1)

Lkr. Passau. Rund ein Dutzend Abkochanordnungen für Trinkwasser vor allem in Gemeinden des nördlichen Landkreises hat das Gesundheitsamt heuer erlassen. Warum diese Häufung, warum fast ausschließlich nördlich der Donau? Das Landratsamt nennt mögliche Ursachen und Zusammenhänge. 

Grundsätzliche Situation

Das  Rohwasser wird entweder aus Quellen (im nördlichen Landkreis die Regel) oder aus Tiefbrunnen (südlicher Landkreis) gewonnen.  Im Norden ist geologisch bedingt das Wasser aggressiver und muss zum Schutz der Leitungen fast ausnahmslos entsäuert werden. Das geschieht in Aufbereitungsanlagen mit Kalkperlen, die immer wieder nachgeschüttet werden müssen. Hochbehälter und Aufbereitungen liegen hoch, d.h. häufig im Wald ohne Anschluss an das Stromnetz. Eine Rückspülung oder einfache Reinigung des Behälters ist mangels Stromversorgung und der engen Räumlichkeiten oftmals nicht bzw. schlecht möglich. Was speziell den Bayerischen Wald betrifft:  Quellen liefern oftmals eher geringe Mengen an Wasser, so dass großes und komplizierte Leitungssystem nötig sind.  Es gibt Gemeinden nördlich der Donau mit mehreren Dutzend Quellen und bis zu zehn Hochbehältern. Fazit: Die Wasserversorgung im nördlichen Landkreis ist ein hochkomplexes System.

 

So wird bakterielle Belastung festgestellt:

In den verschiedenen Wasserversorgungen gibt es festgelegte Probeentnahmestellen mit sogenannten „abflammbaren“ Wasserhähnen. Zur Untersuchung wird also abgeflammt, das heißt der Hahn wird mittels Hitze sterilisiert. Schließlich will man wissen, ob das Wasser verkeimt ist, nicht der Hahn.

Werden bei der Laboranalyse der Wasserproben Keime nachgewiesen, ist in einem nächsten Schritt festzustellen, wo diese Verkeimung ihre Ursache hat (Wassergewinnung, Leitungssystem, Aufbereitung, Hochbehälter etc.) Zu diesem Zweck müssen in all diesen Bereichen Proben entnommen werden, um Mängel zeitnah mit relativ geringem Aufwand finden und beheben zu können. Wird lediglich gespült, ist diese sogenannte Rückwärtssuche nicht mehr erfolgversprechend. Ein Standardvorgehen ist nicht möglich, dazu sind die Wasserversorgungsanlagen zu unterschiedlich und komplex.

 

So oft wird kontrolliert:

Die meisten Wasserversorger im Landkreis müssen quartalsweise untersuchen lassen. Dafür erhalten sie vom Gesundheitsamt vorab einen Jahresplan mit Vorgaben und Terminen. Die Versorger entnehmen die Proben, geben sie ans Labor und sind verpflichtet, die Befunde an das Gesundheitsamt weiter zu melden. Liegt eine Verkeimung vor, gehen Amt und Versorger gemeinsam auf Ursachensuche. Erfordern es die Umstände und die Art der Keime, spricht das Gesundheitsamt eine Abkoch-Anordnung aus.

 

Woher kommen die Keime?

Werden Keime nachgewiesen, sind diese entweder bereits in der Quelle bzw. dem Rohwasser, bevor dieses ins Leitungssystem geht, oder sie haben ihren Ursprung in der Infrastruktur (Leitungen, Hochbehälter, Pumpen, Belüftungen etc.)

Äußere Faktoren können Quellwasser stärker beeinflussen, als Wasser aus Tiefenbrunnen. Daher ist der nördliche Landkreis mit seinen Quellen hauptsächlich betroffen. Quellen liegen hier üblicherweise in einer Tiefe von drei bis fünf Metern. Und hier liegt auch einer der Schlüssel für die zunehmenden Verkeimungsbefunde beim Rohwasser: Es sind die sich häufenden Klimaextreme. Bei entsprechender tiefer Kluftenbildung des Bodens nach langer Trockenheit und anschließendem Regen ist die Filterwirkung des Erdreichs extrem eingeschränkt, es erfolgt also viel leichter ein Bakterieneintrag. Und Keime sind überall. Waren diese Wetterextreme früher eher selten, sind sie jetzt schon fast die Regel. Kommt es gar zu Starkregen, wird die Gesamtsituation fatal. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch die geschädigten Wälder nach dem Sturm „Kolle“ und Borkenkäfer. Weniger Bäume und mehr offener Boden bedeuten weniger Schutz für Quellen.

Technische Anlagen können naturgemäß auch Eintrittsstellen sein. Je weitflächiger und umfangreicher das Leitungsnetz ist, umso mehr Störungen sind zu erwarten. Keimeintrag geschieht beispielsweise durch Rohrbrüche, schadhafte Gummidichtungen oder löchrige Gitter, durch die Insekten oder Schnecken mit ihren Bakterien eindringen können. Viele Schäden zeigen sich allerdings nicht sofort.  Die Wasserversorger stehen also aufgrund der Kleinräumlichkeit der Versorgungsgebiete im Landkreis vor größten Herausforderungen.

 

Fazit:

Fakt ist, dass im Zuge des Klimawandels mit seinen Extremwetterlagen vermehrt Störfälle in den Quellgebieten auftreten werden. Dies lässt sich von heute auf morgen nicht verhindern. Im Sinne der langfristigen Vorsorge könnte an den Einbau desinfizierender Anlagen (UV- Anlagen, Ultrafiltration) gedacht werden. Praktische Lösungen dafür sind schwierig und sehr teuer. Wenn etwa eine zentrale Aufbereitung nicht möglich ist, weil Wasser aus verschiedenen Hochbehältern in mehrere Gemeindeteile geleitet wird, müsste in jedem Hochbehälter aufbereitet werden. Ob dafür überhaupt Platz vorhanden ist und wie es mit der Stromversorgung irgendwo mitten im Wald aussieht, sind dann die ganz konkreten Fragen, die zu lösen sind. Das Gesundheitsamt jedenfalls ist nicht nur Kontrollinstanz, sondern steht Versorgern und Gemeinden natürlich auch beratend zur Verfügung.